Humoresken eines demokratischen Hofnarren

Mark Twains Autobiografie im Dienste einer Spendenaktion


Um halb zehn „war ein Drittel der Leute eingeschlafen; ein zweites Drittel lag im Sterben; der Rest war tot.“ So war es nicht. Diesem traurigen Ertrag einer „Autorenlesung“, wie Mark Twain sie in seiner jüngst veröffentlichten „Autobiographie“ karikiert, entgingen die Stadtbibliothek Nordhorn und der veranstaltende Lions-Club Nordhorn/Lingen-Montagsgesellschaft, indem sie den Schauspieler Alexander Gamnitzer und den Musiker Christian Kowatsch eingeladen hatten, einige humoristische und satirische Episoden aus Twains Mischung aus Tagebuch und Geschichtsnotizen zum Besten zu geben. Dass der Lions-Club den Erlös des gut besuchten literarisch-musikalischen Abends in Höhe von 1150 Euro dem Krankenhaus San Clemente, vertreten durch Dr. Oscar Lora Carranza, zur Verfügung stellen konnte, verdankte er der Spendenbereitschaft der Firma Schlüter & Niers, Immobilien.

GN, 23.2.2013, Bernd Durstewitz
Was sich etwas irreführend „Live-Hörspiel“ nannte, bestand aus einigen von Alexander Gamnitzer präzise und lustvoll vorgetragenen Passagen aus Mark Twains erst jüngst frei gegebener Autobiographie („Meine geheime Autobiographie“; übers.v. Hans-Christian Oeser; 2012, Aufbau Verlag; 1133 Seiten). Gamnitzer hatte ein paar vor allem privat fokussierte Episoden aus Twains Kindheit am Mississippi und aus seinem Familienleben ausgewählt. Sie feierten, inspiriert durch den Geschmack von Ahornsirup und Wassermelone – besser stibitzt als offiziell erworben – oder durch nächtliche Waschbärenjagd, die genussvollen Freuden einer saftigen Kindheit. Und sie trugen humorvoll dem Erziehungseifer seiner Ehefrau Livy Rechnung, die ihn ihr „schwierigstes Kind“ zu nennen pflegte. Kowatsch überbrückte die Lesepausen angenehm barjazzig mit swingendem und bluesigem Jazz auf dem E-Piano.

Nur zweimal blitzte das scharfzüngige Potential des Kapitalismus- und Militarismuskritikers Twain (Pseudonym für Samuel Langhorne Clemens) auf, der gleichwohl als gern eingeladener demokratischer Hofnarr durchaus Bestandteil dieser kapitalistisch-christlichen Gesellschaft war. So geißelte er z.B. den Eisenbahnbaron Jay Gould, der die „kommerzielle Moral“ der Nation „umgestülpt“ und einen „Pesthauch“ über sie gelegt habe. Sein Motto habe den Kapitalimus, der bislang auf dem Gewinn von Arbeit und Fleiß beruht habe, pervertiert mit der Botschaft: „Beschaff dir Geld. (…) Beschaff’s dir in riesigem Überfluss. Beschaff’s dir auf unehrliche Art und Weise, wenn du kannst; auf ehrliche, wenn du musst.“ Das Urteil ist immerhin über 100 Jahre alt.

Freuen sich über die Spende an das Krankenhaus San Clemente in Bolivien: Dr. Jürgen Patschorke, Lions-Club, Martina Kramer, Stadtbibliothek, Guido Niers, Schlüter & Niers, Dr. Oscar Lora-Carranza.